press enter to start – your marriage

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Wenn man regelmäßig Hochzeiten als gebuchter Fotograf begleitet, hat man manchmal das Gefühl in einem abgedrehten Computerspiel gefangen zu sein.

Da hilft auch kein Weitwinkel.

Die Gegenspieler:
Die „Ego-shooter“, die einem ohne Rücksicht auf  Verluste in den Weg springen um das nächste tolle Bild zu smarten.
Die „Leute hier, ich bin HIIEEER“ Gästeknipser, die dafür sorgen dass es schier unmöglich wird, ein Gruppenfoto zu erreichen, auf dem tatsächlich Alle zum Fotografen schauen.
Die Selfomanen, die während der gesamten Veranstaltung damit beschäftigt sind der Welt zu zeigen, dass SIE gerade DA sind und Jetzt DAS machen.

Die Aufgabe des Spielers ist es nun, Strategien zu entwickeln, um trotzdem ans Ziel zu kommen – Gute Hochzeitsfotos.

Level 1:  Die Organisation ist super. Es gibt jemanden, der alle Abläufe des Tages kennt, alle Beteiligten „im Griff“ hat und den Fotografen mittels eines zeitlichen Ablaufplanes auf dem Laufenden hält. Früher machte das der Hochzeitslader, heute würde ich diesen Job als Hochzeitsdompteur bezeichnen. Dazu ist die Lokation super fotogen, mit schönem Licht ausgestattet und liegt in einem landschaftlich ansprechendem Umfeld. Das Wetter ist traumhaft. Das Brautpaar gut gelaunt und entspannt. Das ist „easy living“ für Fotografen.

Malerwinkel – Chiemsee

Level 2: Das Wetter ist schlecht, die Lokation bietet wenig fotogene Ausweichmöglichkeiten, die Stimmung der Beteiligten ist latent angespannt.

Tunnelblick im Burgturm.

Level 3: Das Voll-Chaos. Das einzige was sicher ist – es handelt sich um eine Hochzeit.

Zwei Menschen heiraten. Das Brautpaar hat die Lokation gebucht und mit dem Betreiber über Essen und Getränke verhandelt. Und nen Musiker besorgt.  Die Freunde und Verwandten kümmern sich um Spiele, Reden, Showeinlagen usw. Keiner hat einen wirklichen Plan. Nach der Kirche beherrschen die Gäste die Szenerie.  Jeder dirigiert das Brautpaar von einer Stelle zur Nächsten.  Ein großer Haufen bunt gekleideter Menschen wandert wie ein Fischschwarm über den Kirchenplatz bis auch der letzte sein eigenes Hochzeitsfoto mit dem Brautpaar und den passenden Menschen daneben produziert hat.  Die extra angereisten trainierten Hochzeitstauben fliegen immer wieder fotogen ihre Runden und sind durch die wogenden Menschmassen so verwirrt, dass sie anfangen auf den Gästen zu landen; oder der Braut.; oder kleinen Kindern, was wiederrum zu Aufruhr führt. Als sich die Lage beruhigt,bleiben für die offiziellen Hochzeitsfotos anschließend noch drei Minuten Zeit, weil die im Lokal ja mit dem Essen warten und alle am verhungern und verdursten sind. Die drei Minuten werden sofort von allen ,die an dieser Stelle mit diesem Hintergrund noch kein Foto gesmartet haben, gecrasht. Nur vor dem Fotografen ist ein guter Platz und wenn man schon mal da ist, kann man gleich noch Anweisungen geben, wer wie wohin schauen soll. Und gleich nochmal ein Selfie mit Brautpaar.  Jetzt wird es höchste Zeit die Kurve zu kratzen. So schnell wie es der Blumenschmuck auf dem Hochzeitsauto zulässt, geht es weiter.

Das Glück der Erde prangt am Hintern der Pferde

Die Küche des Lokals rotiert mittlerweile, das Essen wäre seit 15 Minuten fertig, aber keiner fängt die Gäste ein die überall verstreut sind. Das Brautpaar wird Schubweise von gratulationswütigen Menschentrauben umzingelt und bekommt nix mit.  Es ist noch nicht mal sicher, ob alle Gäste den Weg von der Kirche zum Lokal schon gefunden haben. Bis endlich jeder was gegessen hat, wird schon für den Kaffee eingedeckt. Schnell den Brautwalzer abarbeiten, denn im Flur stehen schon die Freunde mit dem 1. Hochzeitspaarbelustigungsspiel. Die Torte wird wieder zurück in die Küche gerollt. Währenddessen zieht draussen  ein Gewitter auf. Das Brautpaarshooting ist immer noch nicht im Kasten, denn seit der „Wir warten bis alle beim essen sitzen, dann können wir schnell für 10 Minuten weg“ Mitteilung des Brautpaares sind schon 2 Stunden vergangen. Die Torte kommt wieder reingerollt. Jetzt gibt es endlich Kaffee und jede Menge Torten und Kuchen. Anschließend wird wieder kurz getanzt …. endlich kommt das Brautpaar. Schon springen erneut Leute dazwischen, die nun die Braut entführen und den Bräutigam in eine Küchenschürze kleiden müssen, weil das extrem lustig ist – für die Zuschauer. Mittlerweile regnet es.  Kaum ist die Braut gefunden, geht es ab in die „Weinstube“, sprich- ab nun wird kräftig gesoffen. Nach 10 Minuten tanzen 50Prozent der Gäste auf den Bänken und weitere 10 Minuten später windet sich die erste Polonäse durch das gesamte Haus.  Dazwischen kann die Servicemannschaft im Speisesaal aufräumen und für das Abendessen eindecken.  Nachdem jeder genug gebechert hat um auch wildfremden Menschen seine intimsten Geheimnisse anzuvertrauen, strömen Gäste und Brautpaar zum Abendessen.

Nix wie weg.

Jetzt gibt es kein Entkommen mehr, denn alle geplanten Spiele und Showeinlagen , werden nun im Block dargeboten; zum Teil mit bemerkenswerten Variationen der ursprünglichen Choreografie. Ausserdem wird getanzt und jeder der sein Geschenk immer noch nicht persönlich überreicht hat, stellt sich in der nächsten Gratulationsschlange hinten an. Draussen ist es schon lange dunkel, es regnet immer noch und an Fotos alleine mit dem Brautpaar ist längst nicht mehr zu denken. Abgesehen davon ist nun auch das Styling des Brautpaares nicht mehr taufrisch.  So vergeht der Abend mit zum Teil peinlichen und zum Teil echt lustigen Darbietungen der Gäste und viel Ausdruckstanz zu Klassikern der Stimmungsmusik im kunterbunten Lichtermeer der Kombo-Lichtorgel. Zum Schluss wird es noch einmal angemessen romantisch. Das Brautpaar gibt, umringt von der mittlerweile dezimierten Gästeschar, im Licht dutzender Sternwerfer seinen letzten Tanz zum besten und beschließt damit den offiziellen Teil. Denn je nachdem wie lange die Servicecrew das mitmacht, bevölkern die Gäste der Kategorie „der Letzte macht das Licht aus“ noch eine ganze Weile die Szenerie; da liegt das Brautpaar schon längst völlig geschafft im Bett und ist vermutlich froh, dass das heute mit der Hochzeitsnacht nicht mehr so eng gesehen wird.

Partypeople

Der Fotograf sucht seinen Kram zusammen und schleicht erschöpft aber auch beschwingt nach dieser Bilderflut zum Auto. Schließlich ist er derjenige, der all das was Heute passiert ist, als erster auf Fotos sehen wird.

P.s. Bevor jemand auf falsche Gedanken kommt – das sind gesammelte Erinnerungen. Nicht alles ist an einem Tag passiert. Aber vieles dafür öfter. 🙂

Auf die Perspektive kommt es an.

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